Gemeindehaus mit neuer Zukunft
Best-Practice-Beispiel beim Programm "Räume für eine Kirche der Zukunft": Kooperativ und mit viel Ehrenamt zum Dorfgemeinschaftshaus.

01.07.2026
Ein Erfolgsbeispiel des diözesanen Prozesses „Räume für eine Kirche der Zukunft" findet sich zwischen Calw und Böblingen, in der Seelsorgeeinheit Mittleres Heckengäu: In Ostelsheim verkaufte die katholische Kirchengemeinde Dätzingen im Oktober 2025 ihr seit Jahren so gut wie nicht mehr genutztes Gemeindehaus an die politische Gemeinde, konsolidierte so ihren Gebäudebestand und seit Anfang 2026 steht den rund 2600 Einwohner des Ortes ein neu darin eröffnetes Dorfgemeinschaftshaus zur Verfügung, das mit einem Café, einem frei nutzbaren Dorfwohnzimmer, Krabbelgruppe und vielem anderem mehr rege genutzt wird. Ein 130 Mitglieder starker Trägerverein des Hauses mit dem Namen „Wir für Ostelsheim“ und einem achtköpfigen Vorstandsteam ist Bindeglied zwischen Verwaltung und Einwohnerschaft.
Potenziale kirchlicher Gebäude entdecken
Eine Würdigung erfuhr das Gemeindehaus-Projekt jüngst nun auch durch den Besuch im Rahmen der Best Practice-Exkursionsreihe „Potenziale kirchlicher Gebäude entdecken – kooperativ, regional, sozialraumorientiert“, zu dem die durch das Land und die EU geförderte „Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen“ (SPES) aus Freiburg eingeladen hatte. Bei einer Führung durch die Räumlichkeiten hörten rund 20 interessierten Gäste, die aus der Umgebung aber auch von der Schwäbischen Alb, aus dem Kinzigtal und dem Markgräfler Land angereist waren, viel Informatives über die Entstehungsgeschichte des Projekts und über die Selbstorganisation des laufenden Betriebs.
Mittel des Städtebauprogramms
Alexander Hölsch von SPES erläutert den Hintergrund: Die Suche und Entwicklung des Ortes der Begegnung in Ostelsheim sei in einem von der politischen Gemeinde initiierten, breit angelegten Beteiligungsprozess erfolgt, der über das Programm „Quartiersimpulse“ der „Allianz für Beteiligung“ Gefördert wurde. „Im Rahmen dieser zweijährigen Förderung konnte mit Lena Abdi eine Projektleiterin befristet angestellt werden, wodurch die Basis für die Bildung eines Trägervereins geschaffen wurde.“ Dies wiederum sei für den Gemeinderat in Ostelsheim ein wichtiger Punkt gewesen, um das Gebäude mit Hilfe von Mitteln des Städtebauprogramms zu kaufen, sagt Hölsch.
Früherer Kirchengemeinderat stellt Verbindung her
Auch Kirchenpflegerin Tiziana Fiore erinnert sich: „Bei Betrachtung unseres Gebäudebestands haben wir sehr schnell bemerkt, dass das Gemeindehaus in Ostelsheim kaum noch genutzt wurde.“ Für die politische Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein Dorfcafé war, sei der Ankauf dann die attraktive Alternative zu einem Neubau gewesen. „Schlussendlich war es für beide Seiten eine tolle Lösung“, sagt sie. Ins Rollen brachte die Dinge dabei der frühere Kirchengemeinderat Martin Auer aus Ostelsheim, der sich für das Dorfcafé im Ort engagierte und so die Verbindung herstellte.
Nicht an privat verkaufen
Auer resümiert: „Einerseits ging für uns mit dem Verkauf etwas verloren und für manche Gemeindemitglieder kann es eine Hürde sein, wenn sie heute in unsere Nachbargemeinde Dätzingen fahren müssen, um sich am kirchlichen Leben zu beteiligen. Andererseits muss man es aber auch als Chance sehen, heute in einer größeren Gemeinde etwas auf die Beine stellen zu können, anstatt mit viel Aufwand, Energie und mit immer weniger Leuten etwas am Laufen halten zu wollen, für das es so gut wie keine Nachfrage mehr gibt“, sagt Auer und fügt hinzu: „Wenn ich mir heute ansehe, was aus dem Haus gemacht wurde, dann dominiert bei mir ein schönes Gefühl. Wichtig war es für mich und die Verantwortlichen in unserer Kirchengemeinde, dass das Haus auch nach einem Verkauf öffentlich bleibt und wir nicht an privat verkaufen. Dieser Wunsch hat sich erfüllt.“
Lebensqualität im Ländlichen Raum
Bei der Practice-Exkursion jüngst in Ostelsheim, standen Lena Abdi und Alexander Hölsch dem Anwesenden Rede und Antwort. Abdi fasste dabei die Vorteile des Hauses für die Gemeindeverwaltung so zusammen: Da es im Besitz der Kirche bereits ein öffentliches Gebäude war, bedurfte es keiner Nutzungsänderung und dadurch, dass der Brandschutz den gesetzlichen Vorgaben entsprach, musste baulich nicht nachgebessert und zusätzliches Geld in die Hand genommen werden. „Ein weiterer Vorteil war, dass die Gemeinde Ostelsheim das Gebäude mitsamt dem ganzen Inventar kaufen konnte. So war es möglich, gleich darin loszulegen“, erinnert sich die Projektleiterin. Investiert worden sei anfangs nur noch in einen Saugwischroboter, der heute im Eingangsbereich steht, und in eine neue Türschlossanlage, durch die das Haus online per App und Smartphone zu öffnen ist. Auch der Ostelsheimer Jugendtreff habe darin zwischenzeitlich sein neues Zuhause gefunden und die dort ebenfalls Aktiven des Reparaturcafés hätten den Jugendlichen vor kurzem erst eine Tischtennisplatte hergerichtet – ein Tischkicker befinde sich in Arbeit, freut sich Abdi. Unterm Strich also naheliegend, dass das Dorfgemeinschaftshaus Ostelsheim für die SPES, der es in ihren Projektbegleitungen um die nachhaltige Sicherung der Lebensqualität im Ländlichen Raum geht, zum Vorzeigeprojekt wurde.
