Kirche der Zukunft entsteht im Dialog
Der Werkstatttag „Leitung der neuen Kirchengemeinden“ fand mit mehr als 100 interessierten leitenden Pfarrern, Pfarradministratoren und Pfarrbeauftragten statt.

15.06.2026
Wie sieht Leitung heute und in den neuen Kirchengemeinden im Jahre 2030 aus? Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte künftig, wenn pastorale Räume größer werden und sich kirchliche Strukturen verändern? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich über 100 leitende Pfarrer, Pfarradministratoren und Pfarrbeauftragte beim Werkstatttag „Leitung der neuen Kirchengemeinden“ am 11. Juni im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart.
Beteiligung statt Vorgaben
Die Veranstaltung fand im Rahmen des diözesanen Entwicklungsprozesses „Kirche der Zukunft“ statt und setzte bewusst auf Beteiligung statt Vorgaben, weil der Wandel der kirchlichen Strukturen nur gelingen kann, wenn die Erfahrungen und Perspektiven derjenigen einbezogen werden, die bereits heute Verantwortung tragen. Die Ergebnisse des Werkstatttages fließen deshalb unmittelbar in das laufende Programm „Seelsorge in neuen Strukturen“ ein. Sie sollen dazu beitragen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Leitung stärken, Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen und eine Kirche ermöglichen, die auch in Zukunft nah bei den Menschen bleibt. Im Rahmen dieses Programms werden bis 2030 aus den aktuell 1.020 Kirchengemeinden 50 bis 80 neue Kirchengemeinden gebildet, um das pastorale Personal und Ehrenamtliche von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und die rückläufigen Finanz- und Personalressourcen zukünftig anderweitig zu verwenden.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Leitung in einer Kirche aussehen kann, die sich verändert: Welche Aufgaben gehören künftig zur Leitung – und welche nicht? Wie können pastorale Mitarbeitende von Verwaltungsaufgaben entlastet werden? Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen sowie in multiprofessionellen Teams sind notwendig, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen?
Alle Beteiligten auf die Reise ins Jahr 2030 mitnehmen
Leitung ist Dialog, keine Einbahnstraße. Dieser Gedanke prägte den gesamten Werkstatttag. In Workshops diskutierten Dr. Marcel Dagenbach, in der Hauptabteilung V (Pastorales Personal) der Diözese Beauftragter für die Personalführung der Diakone, Cäcilia Riedißer, Hauptabteilung IV (Pastorale Konzeption), stellvertredende Leiterin des Programms „Räume für eine Kirche der Zukunft“ sowie Projektmitarbeiterin im Programm „Seelsorge in neuen Strukturen“, Jochen Werner, in der Hauptabteilung V (Pastorales Personal) der Diözese verantwortlich für die Diözesanpriester sowie Tobias Albers, Leiter des Programms „Seelsorge in neuen Strukturen“. Dazu Petra Pötschke und Martin Kempen von Breitenstein-Beratung mit ihren jeweiligen Gruppen über die Selbst-, Sozial-, Fach- und Methodenkompetenz von leitenden Personen. Wichtige Fragen, wie die Frage nach Überlastungsindikatoren von Führungskräften, kamen ebenso zur Sprache wie Fragen zu möglichen Leitungsmodellen in der nahen Zukunft sowie das Thema Zusammenarbeit in der Ökumene. Konsens und unterschiedliche Sichtweisen hatten dabei gleichermaßen Platz. Es ging vor allem darum, einander zuzuhören und alle Beteiligten auf die Reise ins Jahr 2030 mitzunehmen.
Wunsch ist ein direkter Draht zum Bischöflichen Ordinariat
In Podiumsgesprächen mit der Abteilungsleitung der Hauptabteilung V - Pastorales Personal im Bischöflichen Ordinariat Regina Seneca und Holger Winterholer, Offizial Domkapitular Thomas Weißhaar und Priesterratsprecher Dekan Ulrich Kloos wurden die Ergebnisse der Gruppen präsentiert, Herausforderungen benannt und Erwartungen an zukünftige Leitungsmodelle diskutiert. Ziel war es, ein möglichst differenziertes Bild der aktuellen Situation und der Wünsche aller Beteiligten zu erhalten und daraus tragfähige Perspektiven für die weitere Ausgestaltung der neuen Kirchengemeinden zu entwickeln. Als besonders wichtig bezeichneten die verantwortlichen Vertreter: innen aus dem Bischöflichen Ordinariat den direkten Austausch mit den aktuellen Führungspersonen. Immer wieder hörte man aber auch von den Kirchenleitungen selbst den Wunsch nach Unterstützung durch die Diözese. Dazu sagte Diözesanreferent Diakon Dr. Marcel Dagenbach: „Leitung gelingt, wenn man einen direkten Draht zu den übergeordneten Stellen im Bischöflichen Ordinariat hat, einen Ansprechpartner vor Ort.“
Der Pfarrer als geistiger Leiter
Dekan Ulrich Kloos warnte in dem Zusammenhang, dass die künftigen Leitungen „nicht nur Management, sondern auch geistige Leitung“ sein müssten. Regina Seneca brachte den wichtigen Aspekt ein: „Leitung muss künftig auch etwas abgeben, aber als Leitung muss man auch aushalten, dass manches anders wird.“ Und Cäcilia Riedießer ergänzte, der Pfarrer solle „die Aufgaben gut machen, für die er qualifiziert ist. Die anderen Sachen sollen andere übernehmen.“
Keine faulen Kompromisse
Bischof Dr. Klaus Krämer, der am Nachmittag dazugekommen war, hörte aufmerksam zu und bestätigte: „Personen, die für Seelsorge und Pastoral ausgebildet sind, sollen keine Verwaltungstätigkeiten ausführen. Das machen verwaltungsqualifizierte Leute.“ Der Bischof beteiligte sich an den abschließenden Gesprächsrunden zu den Themenblöcken Kompetenzen, Auswahl, Qualifizierung, Schnittstellen, alternative Pfarrleitungsmodelle bei Personalmangel sowie Amtstheologisches Grundverständnis. Er zeigte sich erfreut über die Erkenntnisse des Tages und die faire und konstruktive Gesprächskultur und versicherte den Teilnehmenden: „Der Bischof wird nicht über die Köpfe der Kirchengemeinden entscheiden. Wir können auf Ihre verschiedenen Charismen eingehen und Ihre Wünsche erfüllen. Was es nicht sein sollte, ist, dass es ein fauler Kompromiss wird.“
Der Werkstatttag machte deutlich: Die Kirche der Zukunft entsteht nicht am Reißbrett. Sie wächst dort, wo Menschen ihre Erfahrungen teilen, gemeinsam nach Lösungen suchen und Verantwortung füreinander übernehmen. Veränderung wird dann tragfähig, wenn sie im Dialog gestaltet wird – und wenn diejenigen, die sie tragen sollen, aktiv an ihrer Entwicklung beteiligt sind.
